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Die erste Dusche

Privatsphäre wird hier nicht großgeschrieben, zu begrenzt ist der Lebensraum, der dem Einzelnen zur Verfügung steht, und zu viele Menschen beanspruchen die zu wenigen öffentlichen Einrichtungen. So sind die Duschräume in Hotels nicht in einzelne Kabinen mit individuellen Brausen unterteilt.

Die Gemeinschaftsbäder sind große Räume, an deren Decken in regelmäßigen Abständen die Brausen montiert sind, die sich auch nicht gesondert an- und abstellen lassen. Die Duschzeiten sind öffentlich ausgeschrieben, und täglich wird zwei Stunden lang das Wasser angestellt - unabhängig davon, ob gerade jemand duscht oder nicht. Letztere Überlegung ist natürlich einem westlichen Einsparungs- denken entwachsen und rein theoretisch, da Chinesen gerne und ausgiebig duschen und die Gemeinschaftsduschen zur Duschzeit nie leer sind. Sobald das Wasser angestellt wird, versammeln sich die Hotelgäste - natürlich nach Männlein und Weiblein getrennt - in den Duschräumen. Ob diese nach westlichem Empfinden zu klein sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle - unter einer Brause finden bequem drei bis vier Leute Platz. Man kann sich gegenseitig den Rücken einseifen und ein Schwätzchen halten. Der Nichtchinese ist zunächst in solchen Duschen ein wenig befangen, zumal natürlich während des gesamten Waschvorgangs aller Augen aufmerksam auf ihn gerichtet sind - die flüssige Seife, die üppige Körperbehaarung, die Genitalien und in den Damenduschen die für chinesische Verhältnisse gewaltigen Brüste bedürfen eingehender Begutachtung und Diskussion.

Entsprechend schnell hat man als Ausländer seine erste Dusche in einer chinesischen Gemeinschaftsdusche beendet - aber schon wird man zurückgepfiffen: "Waschen!" bedeuten einem emsig alle anwesenden Chinesen durch die entsprechenden Gesten. Einmal kurz einseifen und abspülen ist nicht genug; gründlich muß die Seife in jede einzelne Pore des Körpers einmassiert werden, nicht nur einmal, sondern mehrmals. Chinesisches Duschen dauert lange, mitunter die gesamte Duschzeit.

Man kehrt also um und seift sich abermals ein; schließlich möchte man niemanden vor den Kopf stoßen. Chinesen sind reinliche Menschen; sie schwitzen wenig, und im Zug oder Bus führen sie stets einen Waschlappen bei sich, den sie bei jedem Stop frisch tränken, um sich Gesicht und Arme abzuwischen. Ausländer schwitzen wie die Schweine, insbesondere bei den hochsommerlichen Temperaturen, und da sie pausenlos Milchprodukte in sich hineinstopfen und -gießen, verdampfen sie Buttersäure, was das empfindliche chinesische Näschen hart trifft. Noch lange vor der langen Nase ist der Geruch das erste, was den Chinesen im Angesicht eines Ausländers unangenehm auffällt und -stößt. Mein seift sich also nochmals ein und nochmals, bevor man wohlwollend-anerkennend aus der Dusche entlassen wird.


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Dieter Lohr: www.lohr.kunsterbunt.com
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