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Auf dem Fluß Li

Mitten durch die bizarren Kalksteinkegel der südchinesischen Provinz Guangxi schlängelt sich sanft der Fluß Li. Um die Ruhe und Beschau- lichkeit dieser herrlichen Landschaft am frühen Morgen um so eindringlicher erleben zu können, die seit Jahrhunderten Poeten und Maler inspiriert, waren Manu und ich nicht an Bord eines lärmenden und überfüllten Ausflugsbootes gegangen, sondern hatten uns ein Schlauchboot gemietet. Nachdem wir es inmitten einer Menge staunender Chinesen aufgepumpt hatten, setzten wir es ins Wasser und ließen uns langsam den Fluß hinuntertreiben, vorbei an heimkehrenden Kormoranfischern, langen schmalen Flößen aus Bambusrohr, die die Lenker mit Stangen und unglaublicher Geschicklichkeit vorwärts bewegten, inmitten der tollkühnen Felsmormationen, die das Gefühl vermittelten, als sei man eine rückenschwimmende Ameise in einer riesigen Tropfsteinhöhle, durch die erstaunlicherweise die Sonne scheint.

Nach rund einer Stunde war es mit der Beschaulichkeit schlagartig vorbei, als mit lautem Diskogetöse das erste Ausflugsboot um die nächste Flußbiegung gepoltert kam. Welch ein Anblick - zwei Langnasen im Schlauchboot. Die gesamte chinesische Touristenschaft stand an der Reling und sperrte staunend Augen und Münder auf. Schließlich wagte einer, zaghaft zu winken.

Wir winkten zurück. Welche Freude - das ganze Boot winkte begeistert, "hello, hello", wir winkten begeistert zurück, "hello, hello". Alle Fotoapparate waren auf uns gerichtet, vergessen waren Täler und Berge, die man ohnehin schon von tausend Postkarten kannte. "Hello, hello", wir wiederholten das Spiel fünf Minuten später beim nächsten Ausflugsboot, und bereits etwas weniger enthusiastisch zehn Minuten später beim übernächsten. Glücklicherweise versiegen, wenn es auf das Mittagessen zugeht, irgendwann auch chinesische Touristenströme.


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Dieter Lohr: www.lohr.kunsterbunt.com
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