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Im Zug

Chinesen sind Meister im Bahnfahren und darin, das Bahnfahren klaglos zu tragen. Im Hartsitz-Abteil von Chengdu nach Xi'an hatte ich mir gerade einen Sitzplatz erkämpft, die Ellenbogen auf das Tischchen vor mir und das Kinn in die Hände gestützt, um ein wenig zu schlafen. Zur guten Nacht lächelte ich meinem Gegenüber zu und fragte ihn, wo er denn hinfahre.
"Nach Warschau."
Ich stutzte. "Liegt Warschau nicht in Polen?"
Er war entzückt ob meiner geographischen Kenntnisse.
"Wie lange fährt man von Chengdu nach Warschau?"
"Sechs Tage."
Seine Firma schicke ihn nach Warschau, er halte dort einen Vortrag und komme dann wieder zurück nach Chengdu.

Wie lange er denn in Warschau bleibe, fragte ich, es solle ja eine schöne Stadt sein. "Ein paar Stunden." Sein Vortrag würde eine Stunde dauern, und bevor sein Rückzug nach China anführe, hätte er sicherlich noch ein wenig Zeit, sich umzusehen. Er sei ein wichtiger Mann in seiner Firma, und sie könne es sich nicht leisten, ihn übermäßig lange zu entbehren. Ich empfand als ganz schön heftigen Brocken, was ihm seine Firma da zumute.

"Nein, gar nicht." Seine Firma habe ihm ganz im Gegenteil einen befreundeten Angestellten als Begleitung mit auf den Weg gegeben, damit er unterwegs nicht so alleine sei. Er deutete auf den Sitzplatz neben sich.

Die beiden saßen mir in ihren Anzügen gegenüber, nippten an ihren Deckeltassen und lächelten mich freundlich an. Mir taten bereits im Angesicht der einen Nacht, die ich in diesem Hartsitz-Abteil - auf dem Tischchen dösend - bis Xi'an noch vor mir hatte, sämtliche Knochen weh, außerdem fielen mir vor Müdigkeit fast schon wieder die Augen zu.


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Dieter Lohr: www.lohr.kunsterbunt.com
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